Was ich lerne, wenn ich einer KI erkläre, wie ich ticke
Ich sitze an meinem Schreibtisch und schreibe einen Satz in ein Dokument, das eigentlich für mein KI-System gedacht ist. Eine Anweisung. Der Satz lautet: wenn neue Ideen reinkommen, gilt Tausch, nicht Addition. Bevor etwas Neues in den Plan darf, muss etwas anderes raus.
Ich lese den Satz nochmal. Und dann sitze ich einfach da.
Weil ich in diesem Moment merke: Ich habe das gar nicht für die KI geschrieben. Ich habe das für mich geschrieben. Für die Version von mir, die jahrelang in Therapie war, in Coachings saß, Jahresrückblicke gemacht hat, mit bunten Stiften, Vorsätzen und endlosen Listen. Und die genau das nie dauerhaft hinbekommen hat.
Jetzt schreibe ich es in ein System. Und das System hält sich daran.
Das war einer von vielen solchen Sätzen. Es wurden mehr. Irgendwann habe ich verstanden: Ich schreibe da keine Anweisungen für eine KI. Ich schreibe auf, wie ich wirklich funktioniere. Wie ich bin. Und was ich brauche.
Ich und meine Notizbücher
Ich habe einen großen Teil meines Berufslebens damit verbracht, Systeme für andere zu bauen. Als IT-Projektleiterin, Scrum Master und Agile Coach. Ich habe Teams begleitet, Strukturen eingeführt und erklärt, warum WIP-Limits kein Bürokratismus sind, sondern Schutz. Ich wusste, wie man Systeme baut, die Menschen tragen und nicht ausbrennen.
Für mich selbst hatte ich nie eines, das wirklich gehalten hat.
Ich sage das so direkt, weil ich weiß, dass es paradox klingt. Ich bin sehr gut darin, andere zu strukturieren. Für Teams, für Projekte, für Klient:innen. Das ist mein Beruf, das funktioniert. Nur bei mir selbst habe ich das jahrelang nicht hingekriegt, und ich habe lange gebraucht, um aufzuhören, mich dafür zu schämen.
Ich habe mehr Notizbücher besessen, als ich zählen kann. Hunderte Aufgabenlisten. Unzählige Apps. Manchmal lief es eine Woche gut, manchmal sogar zwei. Dann verschwand die App irgendwo auf einem hinteren Homescreen. Das Notizbuch lag unter drei anderen. Und ich fing wieder von vorne an. Mit etwas Neuem.
So funktioniert ein Gehirn, das Neuheit liebt und sich von Systemen begeistern lässt, solange sie sich frisch anfühlen. Ich brauchte etwas, das auch dann noch funktioniert, wenn die Begeisterung längst weg ist. Etwas, das gelegentlich zurückfragt: Schau mal kurz hin. Was machst du da gerade?
Ich dachte lange, das Problem bin ich. Zu inkonsequent. Zu chaotisch. Jemand, der Systeme einfach nicht durchhält. Das ist übrigens ein Gedanke, den viele neurodivergente Menschen sehr gut kennen: Das leise Schuldgefühl jedes Mal, wenn das neue Notizbuch nach zwei Wochen irgendwo ungenutzt liegt. Das Problem war ein System, das nicht zu meinem Gehirn gepasst hat.
Dann kam die KI, und ich fing an, mir selbst zuzuhören
Ich nutze KI inzwischen als echtes Arbeitswerkzeug. Als Denkpartnerin, die mitläuft.
Eigentlich dachte ich am Anfang, sie würde mir einfach Arbeit abnehmen. Was ich stattdessen bekommen habe: Ich lerne mehr über mich selbst als über das Werkzeug.
Wenn du einer KI erklärst, wie sie mit dir arbeiten soll, musst du präzise werden. Du kannst nicht darauf hoffen, dass sie schon irgendwie versteht, was du meinst. Du musst es aufschreiben. Und das, was du aufschreibst, wird plötzlich zu einer ziemlich genauen Beschreibung deiner selbst.
Irgendwann hat sich das in meinem Kopf gedreht. Ich schrieb keine Regeln mehr für die KI. Ich schrieb sie für mich. Die KI hielt sie nur konsequent ein.
Die Regeln, die ich geschrieben habe, und was sie mir gezeigt haben
Tausch statt Addition.
Neue Ideen behandle ich instinktiv als Ergänzungen. Eine Idee kommt rein. Gut, die kommt dazu. Was schon da ist, bleibt ebenfalls. Das Ergebnis: die Liste wächst, meine Energie nicht. Irgendwann stehe ich unter dem Gewicht meiner eigenen Gedanken.
Als Agile Coach kannte ich das Prinzip dahinter längst, nur unter einem anderen Namen. In Kanban heißt es WIP-Limit: Bevor eine neue Aufgabe ins System kommt, muss eine bestehende raus. Das schützt Menschen davor, unter zu vielen parallelen Themen zusammenzubrechen.
Ich habe dieses Prinzip jahrelang für Teams angewendet. Für mich selbst musste ich es erst lernen, indem ich es für ein Computersystem formuliert habe.
Der Hub schiebt. Der Plan zieht.
Ideen liegen bei mir inzwischen in einer Art Vorratskammer, einem Hub. Dort dürfen sie existieren, ohne permanent Aufmerksamkeit zu verlangen. Der Plan entscheidet, was als Nächstes drankommt. Weil die Zeit dafür reif ist. Weil Kapazität da ist. Weil mich etwas innerlich zieht.
Im Agilen nennt man das Pull-System: Das Team zieht sich die nächste Aufgabe erst dann, wenn es bereit dafür ist. Aufgaben werden nicht einfach von außen hineingedrückt.
Das klingt technisch, fühlt sich für mich aber zutiefst menschlich an.
Mein Kopf wird unter Druck enger. Das weiß ich seit Jahren. Die passende Infrastruktur dafür hatte ich mir nur nie gebaut.
Pro Woche eine Schwerpunkt, ein kleiner Slot für das andere.
Diese Regel entstand aus einem Muster, das die KI mir während einer Planungssession sichtbar gemacht hat. In meinem Redaktionsplan verschwand regelmäßig eines meiner beiden großen Themen aus dem Fokus. Nicht absichtlich. Es passierte einfach.
Hyperfokus.
Wenn ich in einem Thema versinke, existiert für mein Gehirn kurzfristig kaum noch etwas anderes. Ich kenne das. Ich liebe es. Gleichzeitig führt genau das dazu, dass andere wichtige Dinge unsichtbar werden.
Also habe ich dafür eine Regel geschrieben: Pro Woche gibt es einen klaren Schwerpunkt. Das andere Thema bekommt bewusst wenigstens einen kleinen festen Platz, damit es nicht komplett verschwindet.
In der agilen Welt würde man das Cadence nennen: feste Überprüfungspunkte, die verhindern, dass man unbemerkt abdriftet.
Die Regel, die ich selten laut sage
Es gibt eine Anweisung in meinem System, die von außen vermutlich seltsam wirkt. Sinngemäß lautet sie: Frag mich zwischendurch, ob das gerade wirklich okay ist. Bevor wir weitermachen.
Mein Gehirn bremst sich nicht zuverlässig selbst.
Jahrelang habe ich das als Disziplinproblem interpretiert. Als persönliche Schwäche. Dabei gehören Hyperfokus, Ideenflut und dieses Gefühl von „alles ist gleichzeitig möglich und dringend“ einfach zu meinem inneren Betriebssystem.
Es gibt Momente, in denen mich diese Energie nicht trägt, sondern überrollt. Genau dann brauche ich etwas, das kurz stoppt und zurückfragt.
Ich habe meiner KI beigebracht mich zu bremsen.
Das steht quer zu vielem, was man gerade über KI hört. Mehr Tempo. Mehr Output. Mehr Effizienz.
Darum ging es mir nie.
In Retrospektiven fragt ein agiles Team regelmäßig: Wie haben wir gearbeitet? Was möchten wir verändern?
Diese Frage gehört für mich zu den wirkungsvollsten Werkzeugen aus meiner Zeit als Agile Coach. Weil sie sichtbar macht, was sonst im Hintergrund weiterläuft.
Heute stelle ich diese Frage auch mir selbst. Über mein System.
KI macht mich wacher, nicht bequemer
Viele stellen sich vor, dass KI genutzt wird, um weniger denken zu müssen. Um Entscheidungen auszulagern, Texte generieren zu lassen oder Verantwortung abzugeben.
Bei mir passiert gerade das Gegenteil.
Dadurch, dass ich verlange, dass sie mir einen Spiegel vorhält, Muster benennt, zurückfragt und Unklarheiten sichtbar macht, komme ich überhaupt erst richtig ins Arbeiten. Ich bekomme Ideen. Ich erinnere mich an Dinge, die ich längst vergessen hatte.
Ich muss das ehrlich sagen: KI kann auch das Gegenteil bewirken. Hyperfokus anfachen statt dämpfen. Endlose Ideenschleifen produzieren. Den Dopaminreiz von Neuheit immer wieder triggern, und dann sitzt du drei Stunden tiefer im Rabbit Hole als geplant. Genau deshalb brauche ich die Regeln. Die Reibung. Die bewusste Begrenzung. Ein System, das mich kennt, muss auch wissen, wo es aufhören soll.
Ich schaue inzwischen kaum noch aktiv in meine To-do-Listen. Ich frage einfach: Was steht gerade an? Das System antwortet. Das klingt nach einer Kleinigkeit. Für mich hat es die Art verändert, wie ich arbeite.
Eine gute Architektur funktioniert auch noch in Wochen, wenn ich längst vergessen habe, welchen Prozess ich mir ursprünglich einmal ausgedacht hatte.
Das mit dem Agilen ist kein Zufall
Irgendwann wurde mir klar, dass ich eigentlich nichts Neues erfunden hatte.
WIP-Limits. Pull-Systeme. Reviews. Retrospektiven. Ich kannte all das bereits. Ich hatte Teams darin trainiert, Prozesse eingeführt, Diskussionen moderiert und diese Prinzipien verteidigt, wenn Führungskräfte ungeduldig wurden. Was ich nie getan hatte: diese Prinzipien auf mich selbst anzuwenden.
Das Agile Manifest wurde 2001 von Softwareentwicklern geschrieben. Es stellt Werte über Prozesse. Anpassungsfähigkeit über starres Planen. Regelmäßige Reflexion über blindes Abarbeiten.
Das sind keine reinen Technikprinzipien. Das sind menschliche Prinzipien. Auch für das eigene Leben.
Die eigentliche Lücke lag nie im Wissen. Sie lag in meiner Selbstwahrnehmung.
Was ich da eigentlich gebaut habe
Wenn ich jetzt zurückschaue: Ich habe eine Beziehung zu meinem eigenen Denken aufgebaut, ein System, das meine Muster kennt, das weiß, wann es fragen soll und wann es einfach mitmacht. Das fühlt sich anders an als Produktivitätsoptimierung.
Was bleibt
Wenn du einem System erklärst, wer du bist und wie du funktionierst, verstehst du dich selbst oft ein Stück besser.
Das gilt für KI genauso wie für Journaling, Coaching oder gute Gespräche.
Bei KI passiert dieser Prozess nur erstaunlich unmittelbar. Du merkst sehr schnell, ob deine Beschreibung von dir wirklich trägt. Wenn sie zu unscharf ist, fällt das sofort auf. Wenn sie passt, spürst du es ebenfalls.
Ich schreibe diese Anweisungen, weil mein Gehirn Ankerpunkte braucht. Einen Kompass. Ein Gerüst. Etwas, das mir hilft, mit mir zu arbeiten statt permanent gegen mich.
Und jedes Mal, wenn ich aufschreibe, was ich brauche, passiert noch etwas anderes:
Ich erlaube mir selbst, genau so zu sein.
Ich kenne mich inzwischen besser. Ich weiß, wie ich funktioniere.
Das ist vielleicht das Unerwartetste an diesem Werkzeug: diese leise, dauerhafte Begegnung mit mir selbst.
Was würde sich verändern, wenn du dir selbst einmal so genau zuhörst, wie du es einem neuen System erklären würdest?
Ich bin keine KI-Expertin. Ich teile hier einfach, was ich gerade in Echtzeit über mich selbst herausfinde.
Das hier ist ein erster Gedanke aus etwas Größerem, das gerade entsteht. Wenn du dabei sein möchtest, wenn daraus mehr wird, ist mein Newsletter der richtige Ort dafür.
Wenn du spürst, dass dein Gehirn anders tickt und du herausfinden möchtest, was das für dich bedeutet: Im kostenlosen Erstgespräch schauen wir gemeinsam, was du wirklich brauchst.
Alles Liebe,
Karen
