Neurodiversität im Business: Wenn Anpassung erschöpft
Ich habe einmal eine Klientin begleitet, die mir in der ersten Sitzung sagte: „Ich weiß eigentlich, was mir nicht guttut. Ich mache es trotzdem.“
Sie saß dabei gerade aufrecht. Klang sachlich. Aber in dem Satz steckte etwas, das ich sofort erkannt habe – diese besondere Müdigkeit, die keine Nacht Schlaf wegmacht. Die kommt, wenn man sich so lange an ein System angepasst hat, das nicht für einen gebaut wurde, dass man irgendwann nicht mehr weiß, was eigentlich die eigene Stimme ist. Und was man sich nur eingeredet hat, weil es einfacher war.
Ich kenne das aus meiner eigenen Berufswelt. Seit Jahren.
Manche Gehirne sind anders verdrahtet – das ist keine Schwäche, das ist Biologie
Neurodiversität ist kein Trend und kein HR-Label. Es ist die Tatsache, dass manche Gehirne anders wahrnehmen, anders verarbeiten, anders reagieren. ADHS, Hochsensibilität, Autismus-Spektrum-Themen. Oft undiagnostiziert. Oft jahrelang als persönliches Versagen interpretiert.
Ich habe selbst ADHS – spät diagnostiziert, erst als Erwachsene. Ich habe sehr lange gebraucht zu verstehen, warum manche Dinge für mich so viel mehr Energie kosten als für andere. Meetings, in denen ich eigentlich präsent sein sollte und trotzdem im falschen Moment weg bin. Projekte, die mich phasenweise in tiefen Hyperfokus ziehen und mich danach komplett leer zurücklassen. Der Nachmittag danach, an dem man nur noch starrt.
In einer Arbeitswelt, die auf Gleichmäßigkeit, Planbarkeit und Anpassung ausgelegt ist, fühlt sich das lange genug wie Versagen an, bis man es irgendwann selbst glaubt.
Flexible Arbeitszeiten allein lösen nicht, was sich ins Nervensystem eingeschrieben hat
Viele Unternehmen denken Neurodiversität heute schon mit – ruhigere Arbeitsplätze, flexible Zeiten, weniger erzwungene Meetings. Das ist gut. Die äußeren Bedingungen können sich verändern, während das Innere gleich bleibt.
Was bleibt, sind die Jahre der Überzeugung, zu viel zu sein. Zu laut, zu langsam, zu unstrukturiert, zu sensitiv. Was bleibt, sind die Schutzmechanismen, die entstanden, um nicht aufzufallen – und die jetzt im Weg stehen, wenn es darum ginge, sich wirklich zu zeigen. Wenn eine Beförderung ansteht. Wenn man in einem Meeting etwas sagen möchte und es trotzdem lässt. Wenn man eine Grenze setzen will und sich danach tagelang fragt, ob man überreagiert hat.
Anpassung der Rahmenbedingungen ist eine Sache. Zu verstehen, was sich über Jahre ins eigene Nervensystem eingeschrieben hat, ist eine andere.
Was Trauma damit zu tun hat – auch wenn man „keine schlimme Kindheit“ hatte
Trauma ist ein Wort, das viele von sich weisen. Ich hatte doch keine schlimme Kindheit. Aber Trauma ist nicht nur das Extreme. Es ist alles, was das Nervensystem so stark beschäftigt hat, dass es eine dauerhafte Reaktion hinterlassen hat.
Für viele neurodiverse Menschen beginnt das früh. Nicht verstanden werden. Das Gefühl, irgendwie falsch zu sein. Sich anpassen müssen, um dazuzugehören. Das hinterlässt etwas. Man spürt es später im Körper, manchmal lange bevor man es benennen kann: das Zusammenziehen in der Brust, wenn ein bestimmter Ton im Büro angeschlagen wird. Die Anspannung in den Schultern kurz vor einem Feedbackgespräch, obwohl eigentlich nichts passiert ist. Das Gefühl, nie wirklich genug zu sein, egal was man gerade geleistet hat.
Diese Muster lösen sich durch Selbstoptimierung nicht auf. Mehr Struktur, mehr Disziplin, mehr Apps – das greift nicht dort, wo es sitzt.
Wie ich damit arbeite – und was ich dabei mitbringe
Ich bringe beides mit: meinen IT-Hintergrund, in dem ich gelernt habe, Systeme zu lesen und Dysfunktionen zu erkennen – und meine eigene Geschichte als Frau mit ADHS und Hochsensibilität, die lange nicht wusste, warum sie so funktioniert, wie sie funktioniert.
Ich coache systemisch. Das bedeutet, ich schaue nicht nur auf die Person, sondern auf das Feld, in dem sie sich bewegt. Welche Rollen. Welche Erwartungen. Welche Muster wiederholen sich. Und ich setze bei Bedarf den Yager Code ein – eine Methode, die auf der Ebene des Unterbewusstseins arbeitet, ohne dass man alles in Worte fassen oder erklären muss. Das ist besonders dann hilfreich, wenn jemand kognitiv alles versteht – und sich trotzdem nicht verändern kann.
Was ich dabei nicht tue: Menschen optimieren. Ich helfe ihnen, sich selbst besser zu lesen.
Das Nervensystem ist kein Problem – es ist eine Ressource
Das klingt groß. In der Praxis sieht es oft klein aus.
Es ist das erste Mal, eine Grenze zu setzen und danach Erleichterung zu spüren, nicht schlechtes Gewissen. Es ist zu merken, dass man in bestimmten Situationen nicht „zu empfindlich“ ist – sondern wahrnimmt, was andere nicht wahrnehmen. Und dass das ein Vorteil sein kann, sobald man aufgehört hat, es zu bekämpfen.
Ich habe Frauen begleitet, die jahrelang dachten, ihr Nervensystem sei ihr größtes Problem im Beruf. Die irgendwann gemerkt haben, dass es ihre stärkste Ressource ist – unter anderen Vorzeichen.
Wann hast du zuletzt das Gefühl gehabt, dass dein Kopf für dich arbeitet, statt gegen dich? Wie ADHS sich bei Frauen konkret zeigt – und warum es so lange unsichtbar bleibt – habe ich in einem eigenen Artikel beschrieben: ADHS bei Frauen sieht nicht aus wie Chaos. Es sieht aus wie Hochleistung.
Wenn du im Berufsalltag das Gefühl kennst, für dieselbe Leistung mehr Energie zu verbrauchen als andere – oder wenn du spürst, dass du anders bist, aber noch nicht weißt, ob das eine Stärke oder ein Problem ist –, dann ist dieser Schritt vielleicht der richtige: ein kostenloses Erstgespräch buchen.
Alles Liebe,
Karen
