Die Wahrheit über „toxische Menschen“ – Was wirklich dahintersteckt
Du hast dieses Gespräch vielleicht auch schon geführt. Beim dritten Glas Wein, mit einer Freundin, die gut zuhören kann. Du erzählst. Sie nickt. Irgendwann fällt das Wort – fast wie von selbst. Toxisch. Und es stimmt sich richtig an. Wie eine Tür, die endlich aufgeht. Wie eine Erklärung, die passt.
Ich habe das Wort selbst lange benutzt. Es macht etwas einfacher, was eigentlich kompliziert ist. Es gibt dem Schmerz einen Namen. Und dem anderen die Schuld.
Irgendwann habe ich gemerkt: Erklärt hatte ich damit, was passiert war. Verstanden hatte ich es nicht.
Das Wort „toxisch“ erklärt – und hält uns gleichzeitig fest
Ich habe selbst Kontakt abgebrochen. Auch zur Herkunftsfamilie. Das war richtig. Es hat mich erleichtert – und gleichzeitig mit einer Frage zurückgelassen, die ich noch lange nicht wirklich angeschaut habe.
Warum war ich so lange geblieben?
Das ist die Frage, die wehtut. Die Frage, die das Wort „toxisch“ geschickt umgeht. Denn wenn jemand eine Eigenschaft ist – toxisch –, dann muss ich nur weg. Dann ist die Aufgabe klar. Dann muss ich mich nicht fragen, was ich in dieser Dynamik gesucht habe. Was mir daran bekannt vorkam. Was ich vielleicht schon viel früher kannte, lange bevor ich diese Person traf.
Ich glaube nicht wirklich an toxische Menschen. Was es gibt, sind Dynamiken. Muster, die zwischen zwei Menschen entstehen, weil beide etwas mitbringen, das sich gegenseitig verstärkt. Das soll die Verletzungen nicht kleinreden – manche Menschen tun uns wirklich nicht gut, und sich zu schützen ist richtig. Aber die Etikettierung macht aus einer Dynamik eine Eigenschaft. Sie verlagert die Aufmerksamkeit nach außen. Und lässt die interessantere Frage unbeantwortet.
Unser Nervensystem sucht das Vertraute – auch wenn es schadet
Eine Freundin, die deine Energie aussaugt. Ein Partner, der dich kleinmacht, subtil, so dass du dir manchmal nicht sicher bist, ob du dir das nur einbildest. Ein Kollege, der dich destabilisiert, mit einem Blick, einem Ton, einem Satz, der eigentlich nichts war – und trotzdem den ganzen Abend in dir nachhallt.
Warum immer wieder? Warum diese Ähnlichkeit, quer über verschiedene Lebensphasen, verschiedene Menschen, verschiedene Kontexte?
Das Nervensystem orientiert sich an dem, was vertraut ist. Nicht an dem, was uns guttut. An dem, was bekannt ist. Was wir früh gelernt haben – wie Beziehungen funktionieren, wie viel Raum wir einnehmen dürfen, was wir verdienen –, das läuft im Hintergrund weiter. Lange, nachdem die ursprüngliche Situation vorbei ist.
Man spürt es manchmal körperlich, bevor man es benennen kann. Dieses leise Zusammenziehen im Bauch, wenn jemand einen bestimmten Ton anschlägt. Die Anspannung in den Schultern, die auftaucht, noch bevor der Verstand verarbeitet hat, was gerade passiert ist. Die plötzliche Leere nach einem Gespräch, das eigentlich ganz normal war.
Das ist kein Zufall. Das ist ein Muster, das sich zeigt.
Ich kenne das aus meiner eigenen Geschichte. Die Erschöpfung nach bestimmten Gesprächen, die ich mir lange nicht erklären konnte. Das Gefühl, immer zu klein zu sein – egal wie viel ich leistete, wie gut ich funktionierte, wie sehr ich mich anpasste. Ich habe das für ein persönliches Defizit gehalten. Irgendwann habe ich verstanden, dass es eine Reaktion war. Auf Muster, die ich viel früher gelernt hatte.
Erkennst du das bei dir?
„Narzisst“ ist eine klinische Diagnose – kein Erklärungsrahmen für schwierige Menschen
Gerade wird dieses Wort überall verwendet. In Podcasts, in Kommentaren, in Gesprächen zwischen Freundinnen. Jeder schwierige Ex, jede fordernde Chefin, jeder Vater, der zu wenig da war, bekommt dieses Etikett.
Ich verstehe den Impuls. Es gibt dem Unverständlichen eine Form. Es macht das Erlebte benennbar, einordenbar, erträglich.
Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung ist eine klinische Diagnose. Sie ist selten. Sie ist komplex. Sie wird von Fachleuten eingeschätzt, nicht von Freundinnen beim dritten Glas Wein. Das Etikett macht etwas einfacher, was eigentlich mehr verdient: echtes Hinschauen. Hinschauen auf die Dynamik, auf das Muster, auf den eigenen Anteil darin.
Mit der Frage „War er ein Narzisst?“ bin ich persönlich nie weitergekommen. Mit der Frage „Was habe ich dort gesucht?“ schon.
Kontaktabbruch ist manchmal richtig – und reicht trotzdem selten allein
Den Kontakt abzubrechen kann richtig sein. Das war es bei mir. Grenzen zu setzen ist wichtig. Beides hat seinen Platz.
Aber ich habe auch erlebt, was passiert, wenn man das Muster selbst nicht anschaut. Die nächste Person, die einen ähnlichen Ton hat. Die nächste Situation, die sich vertraut falsch anfühlt. Das Muster verschiebt sich, es wiederholt sich in anderer Form, mit anderen Gesichtern.
Was ich in meiner eigenen Geschichte und in der Begleitung von Frauen immer wieder sehe: Der Moment, der wirklich etwas bewegt, kommt selten durch die Entscheidung gegen jemanden. Er kommt durch eine ehrliche Begegnung mit sich selbst. Mit dem, was man gebraucht hat. Mit dem, was man über sich geglaubt hat. Mit dem, was man bereit ist loszulassen.
Das sind keine angenehmen Fragen. Sie kratzen. Sie lassen sich nicht mit einem abendlichen Gespräch abschließen.
Was habe ich gebraucht, das ich dort gesucht habe?
Das nächste Mal, wenn das Wort „toxisch“ auftaucht
Vielleicht lohnt es sich, einen Moment innezuhalten. Den Schmerz ernst nehmen – ja. Die Verletzung nicht kleinreden – ja. Und gleichzeitig neugierig bleiben. Auf die eigene Geschichte. Auf das, was vertraut war an dieser Dynamik. Auf das, was sie dir über dich zeigt.
Das ist keine Selbstankläge. Es ist eine der ehrlichsten Formen von Selbstrespekt, die ich kenne.
Wenn du merkst, dass sich bestimmte Muster in deinen Beziehungen wiederholen und du herausfinden möchtest, was dahintersteckt, kannst du dir hier ein kostenloses Erstgespräch buchen.
Alles Liebe,
Karen
