Was wenn sie das liest
Es war ein ganz normaler Arbeitstag. Ein Freund hatte einen meiner LinkedIn-Posts geteilt, gut gemeint, mit einem freundlichen Kommentar. Mein erster Gedanke war kein Dankeschön.
Er war: Was wenn die Kollegen das sehen.
Dann sofort der zweite: Was wenn sie merken, dass ich eigentlich gar nichts kann.
Und dann dieser Zug im Bauch. Diese stille, alte Scham.
Heute hat er mich im Gespräch für meine Texte gelobt. Gesagt, es seien wichtige Themen. Und ich habe zugehört und gleichzeitig gespürt, wie da noch etwas anderes im Raum steht. Das Lob und die Scham, beide gleichzeitig, beide echt.
Und dann, während ich das hier schreibe, kommt ein weiterer Gedanke: Was wenn sie das liest?
Es gibt immer dieses eine Gesicht
Du kennst das vielleicht. Nicht die abstrakte Angst vor Kritik. Sondern ein konkretes Gesicht. Eine Person, deren Urteil sich eingebrannt hat, lange bevor du angefangen hast, sichtbar zu sein.
Bei mir ist es jemand aus meiner Familie.
Vor einigen Jahren schrieb ich auf meinem Blog über Ernährung, über meinen Körper, über mein Leben. Was ich nicht erwartet hatte: ein Eklat. Jemand, der mir nahestand, brach den Kontakt ab. Das Urteil war kurz und eindeutig: ich wolle nur Aufmerksamkeit. Nur Klicks.
Ich habe diesen Satz nie laut widerlegt. Ich habe ihn einfach mitgenommen. Irgendwo abgelegt, wo er nicht so weh tut. Und er ist trotzdem da, leise, aber wirkungsvoll, jedes Mal, wenn ich auf „veröffentlichen“ drücke.
Scham braucht kein Publikum
Scham und Sichtbarkeit hängen auf eine seltsame Art zusammen. Diese Scham wartet nicht darauf, dass wirklich etwas passiert. Sie braucht kein Publikum, keine Reaktion, keine echte Kritik.
Sie kommt vorher.
Schon beim Schreiben. Beim Speichern. Beim Gedanken, dass jemand es sehen könnte. Und dieser Jemand trägt fast immer ein bekanntes Gesicht.
Ich habe mich oft gefragt, warum Lob nicht einfach Lob ist. Warum ein ehrliches, gut gemeintes Gespräch mit einem Freund mich nicht einfach freuen lässt. Die Antwort, die ich heute habe: Weil da eine ältere Stimme ist, die schon lange vor ihm da war. Die gelernt hat, dass Sichtbarkeit gefährlich ist. Dass zu viel Raum einnehmen Konsequenzen hat.
Was diese innere Stimme über unseren Selbstwert verrät, und wie sie sich im täglichen inneren Dialog zeigt, habe ich in einem eigenen Artikel aufgeschrieben: Selbstwert stärken: Was dein innerer Dialog wirklich über dich verrät.
Das ist kein Zeichen, dass ich nicht weit genug bin. Es ist ein Zeichen, dass irgendwann etwas passiert ist, das sich eingebrannt hat.
Du willst nur Aufmerksamkeit
Ich möchte kurz bei diesem Satz bleiben.
Du willst nur Aufmerksamkeit.
Als wäre das eine Schwäche. Als wäre der Wunsch, gesehen zu werden, etwas, das man besser versteckt. Etwas Beschämendes.
Und doch: Was ist Schreiben, wenn nicht der Versuch, sich mitzuteilen? Was ist ein Artikel, wenn nicht die Einladung: Hier bin ich. Vielleicht kennst du das auch.
Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass dieser Satz nichts über mich gesagt hat. Er hat etwas über die Angst der anderen Person gesagt. Über das, was in ihrer Welt passiert, wenn jemand zu viel Raum einnimmt. Zu laut wird. Zu sichtbar.
Das ist nicht meine Wahrheit. Auch wenn sie sich lange wie meine angefühlt hat. Wie dieser Lernprozess aussieht, von dem, was andere über uns denken, hin zu dem, was wir selbst wissen, beschreibe ich in diesem Artikel über den Weg von perfekt zu echt.
Was bleibt, wenn das Gesicht im Kopf sich nicht auflöst
Ich werde ehrlich sein: Dieses Gesicht verschwindet nicht, nur weil ich das hier aufschreibe. Vielleicht wird es das auch nie vollständig.
Was sich verändert hat: Ich erkenne es jetzt. Ich weiß, was dieser Gedanke ist und woher er kommt. Ich lasse ihn nicht mehr stumm entscheiden, ob ich schreibe oder schweige.
Das ist kein dramatischer Durchbruch. Es ist eher wie ein leises Verschieben. Der Gedanke ist da, und ich poste trotzdem.
Was passiert, wenn innere Muster sich nicht einfach auflösen, auch nicht durch Verstehen, und was dann wirklich hilft, habe ich in Innere Muster erkennen: Was zu tun ist, wenn Verstehen nicht reicht beschrieben.
Nicht weil die Scham weg ist. Sondern weil ich entschieden habe, dass sie nicht das letzte Wort hat.
Wenn du das Gesicht in deinem Kopf kennst, die Person, deren Urteil sich eingebrannt hat, dann weißt du, wie schwer es ist, einfach weiterzumachen. Und wie viel es bedeutet, wenn du es trotzdem tust.
Vielleicht ist das der Moment, in dem Sichtbarkeit anfängt. Nicht wenn die Angst weg ist. Sondern wenn du dich entscheidest, ihr nicht mehr die Regie zu überlassen.
Alles Liebe, Karen
Wenn dich das Thema bewegt und du spürst, dass du mit jemandem darüber sprechen möchtest, dann bin ich da. Kostenloses Erstgespräch buchen.
