Selbstwert stärken: Was dein innerer Dialog wirklich über dich verrät
Es ist noch nicht mal acht Uhr morgens. Du bist wach, der Kaffee läuft durch, der Tag hat noch nicht angefangen. Und trotzdem läuft schon diese Stimme. Schaffst du das heute? Hast du das gestern richtig gemacht? Andere machen das besser.
Noch bevor du irgendetwas getan hast.
Ich kannte das. Jahrelang. Ich habe Systeme analysiert, Projekte geleitet, Lösungen gefunden – und gleichzeitig lief in mir immer eine innere Stimme mit, die alles, was ich tat, sofort wieder in Frage stellte. Nicht laut. Eher wie ein leises Rauschen im Hintergrund, das man irgendwann nicht mehr wahrnimmt, weil es einfach immer da ist.
Das Problem mit Geräuschen, die immer da sind: Man hält sie irgendwann für normal.
Die Stimme, die nie zufrieden ist, hat meistens eine Geschichte
Ich rede vom inneren Dialog. Von dem Gespräch, das wir die ganze Zeit mit uns selbst führen – meist ohne es bewusst zu merken. Er bewertet, kommentiert, vergleicht. Er sagt dir, ob du mutig genug warst. Ob du dich richtig verhalten hast. Ob du heute genug geleistet hast.
Viele Frauen, die zu mir kommen, beschreiben das so: Nach außen funktionieren sie sehr gut. Niemand würde es vermuten. Sie gelten als verlässlich, als kompetent, als jemand, der die Dinge im Griff hat. Aber innen läuft diese Stimme, die nie wirklich zufrieden ist. Die immer noch einen Haken findet. Die sich schwer abschalten lässt – ausgerechnet abends, wenn der Tag vorbei ist und eigentlich nichts mehr ansteht.
Das ist kein Charakter. Das ist ein erlerntes Muster.
Meistens stammt es aus einer Zeit, in der es tatsächlich wichtig war, aufmerksam zu sein. Sich anzupassen. Keine Fehler zu machen. Nicht aufzufallen. Damals hat das Sinn gemacht – es war eine Form von Schutz, von Orientierung, von Überleben in einem System, das bestimmte Dinge von einem verlangte. Das Muster hat funktioniert. Irgendwann war die Situation vorbei. Das Muster blieb.
Heute kostet es nur noch Energie.
Perfektionismus ist oft kein Anspruch – er ist Selbstschutz
Wenn jemand sich immer wieder selbst im Weg steht – sich nicht bewirbt, obwohl sie bereit wäre, nicht fragt, obwohl sie die Antwort braucht, nichts fertig macht, obwohl sie längst genug weiß –, dann steckt da meistens Vorsicht dahinter.
Das Nervensystem ist darauf ausgerichtet, uns sicher zu halten. Alles Neue, alles Unbekannte, alles was wirklich wichtig ist, wird zunächst als Risiko eingestuft. Das ist biologisch sinnvoll. Es bedeutet aber auch, dass sich genau das falsch anfühlt, was uns weiterbringen würde.
Perfektionismus funktioniert nach demselben Prinzip. Nach außen wirkt es wie hohe Ansprüche, wie Sorgfalt, wie Professionalität. Dahinter steckt oft der Versuch, sich vor Enttäuschung zu schützen. Vor Ablehnung. Vor dem Moment, in dem jemand sieht, dass man es versucht hat – und es trotzdem nicht gut genug war. Wenn ich es nie fertig mache, kann es auch nicht scheitern. Das ist kein bewusster Gedanke. Er läuft einfach.
Man spürt ihn manchmal körperlich: diese seltsame Lähmung kurz vor dem Absenden. Das Aufschieben, das sich nicht wie Faulheit anfühlt, sondern wie eine Art Enge in der Brust. Der Moment, in dem man lieber nochmal alles überarbeitet, als es rauszuschicken und abzuwarten.
Als ich meine ADHS-Diagnose bekam, hat sich für mich einiges zusammengefügt. Ich hatte jahrelang geglaubt, diese innere Stimme sei besonders laut, weil ich einfach nicht strukturiert genug bin. Weil ich mich mehr anstrengen müsste. Weil alle anderen das irgendwie im Griff haben und ich nicht.
In Wirklichkeit war sie so groß geworden, weil ich mich jahrelang angepasst hatte – an Systeme, die nicht für mein Gehirn gebaut waren. An Erwartungen, die ich nie hinterfragt hatte, weil ich nicht wusste, dass man das darf. Diese Stimme war keine Wahrheit über mich. Sie war eine Reaktion auf Umstände, die mich gelehrt hatten, mir selbst zu misstrauen.
Das war kein angenehmer Gedanke. Er hat aber mehr verändert als alle Strategien, die ich vorher ausprobiert hatte.
Hinschauen ist der erste echte Schritt – und der unangenehmste
Ich werde keine Liste aufmachen. Was ich dir anbieten kann, sind Ansätze, die mir selbst geholfen haben und die ich im Coaching immer wieder begleite.
Das erste ist das schlichteste: hinschauen. Wirklich hinschauen. Wie sprichst du mit dir, wenn du einen Fehler machst? Wenn etwas nicht klappt? Wenn du müde bist und trotzdem weitermachst?
Viele merken bei dieser Frage zum ersten Mal, wie hart der Ton ist. Einer Freundin gegenüber würden sie so nie sprechen. Sich selbst gegenüber ist er seit so langer Zeit normal, dass er gar nicht mehr auffällt.
Das zweite ist eine Frage – als ehrliche Neugier, ohne Anklage: Wann habe ich angefangen, so mit mir zu sprechen? Was war das für eine Zeit? Was habe ich damals gebraucht?
Das dritte braucht Zeit und ist trotzdem kleiner, als es klingt: andere Sätze ausprobieren. Keine aufgesetzten Affirmationen, die sich falsch anfühlen. Sätze, die realistisch sind. Ich habe es heute nicht perfekt gemacht. Ich habe es gemacht. Das klingt wenig. Es ist mehr, als es scheint.
Wann hast du zuletzt mit dir gesprochen, wie du mit jemandem sprechen würdest, dem du wirklich wohlgesonnen bist?
Wenn das Nachdenken allein nicht weiterkommt
Manchmal reicht das Bemerken nicht. Manchmal ist das Muster so alt und so tief verankert, dass es sich durch Reflexion allein nicht verschiebt. Man versteht es – und ändert trotzdem nichts. Man sieht das Muster – und tappt trotzdem wieder rein.
Das ist kein Zeichen, dass etwas mit dir nicht stimmt. Es ist ein Hinweis, dass da etwas sitzt, das mehr braucht als gute Absichten und kluge Gedanken. Im Coaching – im 1:1 oder mit dem Yager Code – kann ich genau dort ansetzen: tiefer als die Gedankenebene, ohne dass du alles in Worte fassen oder erklären müsstest.
Vielleicht ist dieser Artikel schon etwas. Ein Innehalten. Ein erster Blick auf eine Stimme, die so lange einfach lief.
Das kann ein Anfang sein.
Wenn du merkst, dass dieser innere Dialog dich mehr kostet als er dir bringt, und du verstehen möchtest, wo er herkommt, kannst du dir hier ein kostenloses Erstgespräch buchen.
Alles Liebe,
Karen
